Musik und Reformation: Freiheit und Chancen eines Neubeginns

Fünfhundert Jahre Reformation: Das sind fünfhundert Jahre Musikgeschichte, die eng mit Persönlichkeiten wie Heinrich Schütz, Georg Friedrich Händel, Johann Sebastian Bach und Georg Philipp Telemann – um nur die bekanntesten zu nennen – verbunden sind.

Längst sind die erwähnten Komponisten Teil der ökumenischen Kultur der christlichen Kirchen geworden. Sie haben, wie die Reformation selbst, tiefe Spuren im kollektiven Gedächtnis der europäischen Kultur und darüber hinaus hinterlassen. Ihr Erbe ist wie die Musik Olivier Messiaens, dem großen katholischen Mystiker der Musik des 20. Jahrhunderts, letztlich überkonfessionell.

Das Psalmwort „Singet dem Herrn ein neues Lied“ ist wörtlich zu nehmen: Der Erfolg der Reformation wurde nachhaltig gefestigt nicht nur dadurch, dass die Menschen die Bibel in der Landessprache verstehen konnten; neue Lieder – das wusste der musikkundige Martin Luther – waren unentbehrlich, um die Reformation unters Volk zu bringen und die Wirkung von Musik als Mittel der Identifikation zu nutzen. Der evangelische Choral, den er erfand, hat viele Quellen und knüpft an das zeitgenössische Lied an. Auch wurde vieles aus der liturgischen Überlieferung übernommen und übersetzt: „Christ ist erstanden von der Marter alle“.

Damit sich die neuen geistlichen Lieder gut einprägen konnten, schuf Luther leicht fassliche Melodien zu leicht fasslichen Texten, wobei Worte mit einer oder zwei Silben auffällig bevorzugt wurden: „Nun freut euch lie-be Chri-sten g‘mein, und lasst uns fröh-lich sprin-gen.“

Noch 1613 beklagt der Jesuitenpater Adam Contzen aus Sicht der Gegenreformation, Luthers Lieder hätten „mehr Seelen verdorben als alle seine Werke und Predigten.“ Contzen, der zeitweise im elsässischen Kloster Molsheim wirkte, hatte jedoch eher die Reformierten im Blick, die in Straßburg, Basel, Genf und in Périgueux, Nîmes, La Rochelle noch ihre Zentren besaßen. Anders als die lutherische Kirche legten die Reformierten ihrem neuen geistlichen Lied die 150 Psalmen zugrunde, die in französischer und dann deutscher Nachdichtung den sogenannten ›Hugenotten-Psalter‹ bilden sollten. Beispielsweise das Lied nach Psalm 66: „Jauchzt alle Lande Gott zu Ehren“ („Vous, tous les peuples de la terre“). Noch heute stehen die 150 Psalmen am Beginn eines jeden reformierten Gesangbuchs. Gottesdienstbesuchern, die in Leer, Aurich, Bad Bentheim oder Emden zur Kirche gegangen sind, ist dies vielleicht schon aufgefallen.

Nicht nur Lieder wurden neu geschaffen; die gesamte Liturgie wurde den neuen Bedürfnissen angepasst und schloss die Neuordnung der Bildungseinrichtungen in den reformatorischen Städten mit ein. Im Zuge dessen wurde ein neues städtisch-kirchliches Amt ins Lebens gerufen: das des Kantors. Die Folgen dieser organisatorischen Maßnahme kann man sich in ihrer Wirkung gar nicht weitreichend genug vorstellen. Schon Johann Walter, Freund Luthers und ›Ur-Kantor‹ der evangelischen Kirche, schuf ein reiches musikalisches Werk. Die Liste der Kantoren, zu deren zentralen Aufgaben es gehörte, neue Musik zu komponieren, ist unendlich lang. In großen Städten wurde stets darauf Wert gelegt, das Amt mit Spitzenkräften zu besetzen.

Noch heute wirken Traditionen von Stelleninhabern mit epochaler Bedeutung nach: Nürnberg (Pachelbel), Dresden (Schütz), Lübeck (Buxtehude), Hamburg (Telemann, CPE Bach) oder Leipzig (Bach). Neben der funktionalen Bedeutung trägt Musik in der evangelischen Kirche durch ihr Lobpreis zur Verkündigung bei (Ps 50, 23).

Alle erwähnten Komponisten standen stets im Austausch mit den musikalischen Entwicklungen ihrer Zeit. Bei der Weitergabe und Übernahme von Innovationen haben sich konfessionelle Grenzen als extrem niedrige, ja irrelevante Hürden erwiesen. So vervollkommnete sich Schütz bei Giovanni Gabrieli an San Marco in Venedig und übernahm von ihm das Prinzip der Mehrchörigkeit. Ohne diese ist die Doppelchörigkeit der Matthäus-Passion Bachs nicht denkbar. Bach studierte die Werke Frescobaldis, Organist an San Pietro in Rom. Die Livres d’orgue der katholischen Kollegen aus Frankreich regten ihn zur Komposition des Orgelbüchleins und zur ›Orgelmesse‹ (III. Theil der Clavier-Übung) an.

Beim Aufschwung der evangelischen Kirchenmusik im 19. Jh. (auch die Musik der katholischen Kirche erneuerte sich) spielt ein Komponist jüdischer Herkunft eine bedeutende Rolle: Felix Mendelssohn-Bartholdy.
Es gibt Werke von ihm, in denen er beide Traditionen hörbar miteinander verknüpft. Im dritten Satz der Zweiten Sonate D-Dur op. 58 für Violoncello und Klavier erklingt im Klavier ein frei erfundener Choral, während das Cello dem Stil nach und im Wechsel eine kantorale Kantillation der Synagoge intoniert, die Mendelssohn nach ihm vertrauten Mustern vermutlich ebenfalls frei erfunden hat.

Viele der bedeutendsten protestantischen wie katholischen Komponisten leisten ab dem 19. Jh. Beiträge zur Kirchenmusik beider Konfessionen. Das gemeinsame Band ist die übergreifende Geltung der Musik Händels und Bachs.

Aus den neuen Liedern sind längst alte Lieder geworden. Manche sind nach Gesangbuchrevisionen verschwunden, weil das Verstehen ihrer oft barocken Sprachlichkeit erklärungsbedürftig ist. Doch muss daran erinnert werden, dass das Singen dieser alten neuen Lieder einmal für das Gefühl einer existentiellen Befreiung stand, das Gefühligkeit nicht ersetzt.

Traditionswahrung mit den Herausforderungen der Gegenwart zu verbinden, dieser riskante Spagat wohnte auch der Reformation inne. Mit Blick auf die Ergebnisse der musikgeschichtlichen Entwicklung waren 500 Jahre Reformation eine Bereicherung, ein Geschenk an Menschen vieler Kulturen. Glaubensübergreifend.