„Endlich frei!“ ruft vielleicht eine Schülerin, als am letzten Tag vor den Sommerferien die Pausenglocke zum letzten Mal schellt. „Endlich frei!“ denkt vielleicht ein Mann, nachdem er seine Stelle gekündigt hat, die für ihn im letzten Jahr nur noch Stress bedeutet hat. „Endlich frei!“ tanzt Miriam, die Schwester des Moses, nach dem geglückten Auszug aus Ägypten. „Endlich frei!“, diesen Satz wünschen sich unzählige Menschen auf der ganzen Welt endlich sprechen zu können.

„Endlich frei!“, weil es endlich soweit ist, weil die gewünschte, erhoffte und herbeigesehnte Freiheit nicht mehr nur ein Wunsch, sondern wunderbare Realität geworden ist. Aber auch „end-lich frei“, weil Menschen wissen und spüren, dass ihre Freiheit endlich und begrenzt, abhängig und bedingt ist. Freiheit ist ja gerade darum ein so hohes Gut, weil wir jederzeit Gefahr laufen, die gewonnene Freiheit wieder zu verlieren, aber auch, weil unsere Freiheit niemals unendlich, sondern immer begrenzt ist. Sie endet an den tatsächlichen Möglichkeiten, an den Bedingungen, unter denen wir unser Leben führen, an der Freiheit des Nächsten, an dem, was Gott sich für unser Leben wünscht.

„End-lich frei!“ Unter diesem doppeldeutigen Wort wollen wir im Süd-Osten in diesem Jahr das Reformati-onsjubiläum ökumenisch begehen, vom 13. bis 15. Oktober mit ganz un-terschiedlichen Angeboten in unseren beiden evangelischen und unserer ka-tholischen Schwestergemeinde. Wenn der Wiener Praktische Theologe Wilfried Engemann unter Freiheit eine Lebenskunst versteht, „unter vorgegebenen Bedingungen ein nicht vorgegebenes Leben zu führen“1, dann
steckt in diesem Wort viel von den Entdeckungen Martin Luthers. Er hat uns auf unterschiedlichste Weise ins Gedächtnis gerufen, dass die Beziehung zu Gott auch eine dieser vorgegebenen Bedingungen ist, unter der wir unser Leben führen – für Luther ist sie sogar die zentralste.

Gott aus unserem Leben auszuklammern, der uns das Leben und diese Welt geschenkt hat, der uns mit Gaben und Fähigkeiten ausgestattet hat und mit liebender Gnade auf unser Leben blickt, würde bedeuten, einen wesentlichen Teil unserer selbst auszuklammern. Die Beziehung zu Gott zu stärken, den Blick dafür zu schärfen, was dieser Beziehung im Weg steht, und den Mut aufzubringen, dies einzureißen, bleibt das Verdienst Martin Luthers, von dem unsere Kirche auch nach 500 Jahren noch zehrt.

„Endlich-frei!“ das bedeutet für uns im Jahr des Reformationsjubiläums darum auch dies: „Endlich frei!“ für Gott und „end-lich-frei“ mit ihm unterwegs.

Die Beiträge und Veranstaltungen im Gemeindebrief 166 wollen uns auf diesem Weg unterstützen, wollen Inspirationen und Kraftquellen sein, damit auch wir vielleicht eines Tages rufen oder denken, tanzen oder jubeln: „End-lich frei!“

1Wilfried Engemann: Handbuch der Seelsorge, Leipzig 2007, 311.