Miteinander durch Gottes Heiligen Geist

Pfr. Dr. Christian Plate, Predigt über Apg 2,1–13, gehalten am Pfingstsonntag, den 31. Mai 2020, in der Christuskirche zu Wolbeck

Liebe Gemeinde,

Jesus verheißt im Evangelium des Pfingstsonntags (Joh 14,15–27) seinen Jüngern einen Tröster oder einen Fürsprecher, wie man das griechische Wort „Paraklätos“ auch übersetzen kann: Gottes Beistand also, der für sie sprechen und agieren wird, wenn ihnen die Kraft, der Mut, die Kreativität, der Glaube fehlt.

Im 2. Kapitel der Apostelgeschichte lesen wir dann, wie sich diese Verheißung erfüllt hat:

„1 Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander. 2 Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. 3 Und es erschienen ihnen Zungen zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen, 4 und sie wurden alle erfüllt von dem heiligen Geist und fingen an, zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen. 5 Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. 6 Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde bestürzt; denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. 7 Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, aus Galiläa? 8 Wie hören wir denn jeder seine eigene Muttersprache? 9 Parther und Meder und Elamiter und die wir wohnen in Mesopotamien und Judäa, Kappadozien, Pontus und der Provinz Asien, 10 Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Einwanderer aus Rom, 11 Juden und Judengenossen, Kreter und Araber: wir hören  sie in unsern Sprachen von den großen Taten Gottes reden. 12 Sie entsetzten sich aber alle und wurden ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden? 13 Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll von süßem Wein.“ (Apg 2,1–13)

Zugegeben: eine fantastische Geschichte, diese Pfingstgeschichte. Mit himmlischem Brausen, Feuerzungen und einem Sprachwunder bietet sie eine Vielzahl möglicher Zugänge an, und man weiß auf den ersten Blick gar nicht, womit man anfangen soll. Ich möchte dieser Versuchung heute Morgen nicht erliegen, sondern den Spott, der am Ende der Pfingstgeschichte vorgebracht wird, ernst nehmen und einen nüchternen Zugang wählen. Ich möchte die Pfingstgeschichte unter zwei räumlichen Bestimmungen betrachten: drinnen und draußen.

In der Pfingstgeschichte gibt es die einen, die drinnen sind: drinnen in einem Haus in Jerusalem im ganz wörtlichen Sinne und drinnen in der Christusgemeinschaft im übertragenden Sinne. Und es gibt die anderen, die draußen sind: draußen auf den Straßen und draußen, außer-halb der Christusgemeinschaft.

Die einen stellen eine Minderheit dar, eine verschwindend geringe, um genau zu sein: nach der Nachwahl des Apostels Matthias für den verstorbenen Judas sind es genau Zwölf. Die anderen, die draußen sind, stellen hingegen die überwiegende Mehrheit dar.

Diejenigen, die drinnen sind, stammen aus Galiläa oder aus anderen Teilen Israels, diejenigen, die draußen sind, aus allen Teilen der Welt. Neben Juden sind dort Griechen und Araber, Menschen aus der heutigen Türkei, aus Syrien, dem Iran und dem Irak. Der ganze antike Kosmos ist hier vertreten. Und so unterschiedlich wie die Länder und Kulturen sind, aus denen diese Menschen stammen, so unterschiedlich sind auch die Religionen, denen sie angehören: Da gibt es gebürtige und konvertierte Juden, Anhänger des Mithraskultes oder der römischen Staatsreligion, Geistesanbeter und Menschen, denen Glaube und Religion nur wenig bedeuten. Sie alle sind aus ganz unterschiedlichen Gründen in Jerusalem: Vielleicht weil sie hier leben oder bloß auf der Durchreise sind, vielleicht, weil sie hier Handel treiben oder einen Freund besuchen.

Diejenigen, die drinnen sind, sind in Jerusalem, weil sie sich zurückgezogen haben. Gleich zweimal mussten sie sich von Jesus verabschieden, mussten ihn loslassen, obwohl sie nicht wollten: einmal nach sei-ner Hinrichtung auf Golgatha, ein zweites Mal nach seiner Himmelfahrt auf dem Ölberg. Nun sitzen sie da: zusammen und doch jeder für sich; nicht vollkommen aufgelöst wie nach der Kreuzigung und doch verunsichert; nicht gänzlich hoffnungslos und doch ohne leitende Perspektive. Sie sind, so müsste man wohl mit dem aktuell gängigen Vokabular sagen, auf Abstand zueinander gegangen und haben sich selbst unter häusliche Quarantäne gestellt, um sich von der Auferstehungsfreude nicht anstecken zu lassen.

Die Jünger erwarten nicht mehr die ganz großen Sprünge von ihrem Glauben, jetzt, da Jesus endgültig entschwunden ist. Sie haben ihren Glauben nicht verloren, aber er ist nüchterner geworden, realistischer vielleicht. Sicher, sie sind überzeugt, dass Jesus lebt, aber einer überwältigenden Mehrheit, die noch nie etwas von ihm gehört hat, die gute Nachricht auszurichten, ist dann doch eine Nummer zu groß. Was sollen 12 Menschen schon gegen die Tausende und Abertausende an Andersgläubigen, Unentschiedenen, Nichtgläubigen und Gegnern ausrichten? Gut, dass sie wenigstens sich haben, dass sie in alten Erinnerungen schwelgen, ihre alten Lieder singen und die vertrauten Bräuche pflegen können, die von denen da draußen sowieso niemand verstehen würde.

Eine Situation, die, wenn wir sie nüchtern betrachten, gar nicht so verschieden von der unsrigen ist. Wie damals in Jerusalem gibt es auch bei uns diejenigen, die drinnen in der Kirche sind, die getauft sind und sich selbst als Christen bezeichnen, und diejenigen, die draußen sind. Und wie in der Pfingstgeschichte stellen letztere mittlerweile die Mehrheit dar – Tendenz steigend.

Angesichts einer Gesellschaft, die dem Christentum immer gleichgültiger und manchmal sogar feindseliger gegenübersteht, angesichts des fortschreitenden gesellschaftlichen Relevanzverlustes von christlichen Themen und christlichen Glaubensinhalten kommt es mir manchmal so vor, als zögen auch wir uns immer mehr in unser Haus zurück, schwelgten in Erinnerungen vergangener Tage, sängen alte, vertraute Lieder und pflegten eine Sprache, die sich bewusst von der der anderen unterscheidet. Auch wir haben, so scheint es mir manchmal, im Blick auf unseren Glauben einen Gang zurückgeschaltet, etwas Gas weggenommen, und erwarten nicht mehr die ganz großen Sprünge. Wir sind im Glauben vielleicht vernünftiger geworden, nüchterner so-gar, und in der Corona-Krise, die ja bekanntlich viele sonst verborgene Prozesse und Probleme ans Tageslicht fördert, verstärkt sich dieser Eindruck noch.

Nicht ganz zu Unrecht hat aus meiner Sicht die frühere Thüringische Ministerpräsidentin und Pfarrerin Christine Lieberknecht das Verhalten der Kirchen in der Corona-Krise in ungewohnter Deutlichkeit kritisiert: Zu still sei es um die Kirche geworden, zu wenige, deutliche Worte des Trostes und der Anteilnahme seien von ihr zu hören gewesen.

Wenn ich die Selbstverständlichkeit und Schnelligkeit betrachte, mit der wir landesweit unser Angebot eingestellt haben – was sicherlich in der speziellen Situation richtig war – ohne in vielen Fällen etwas Anderes an ihre Stelle zu setzen, dann hat sie recht. Entfernen sich, frage ich mich, vielleicht nicht nur unsere Zeitgenossen außerhalb der Kirche immer stärker von dem Fundament unseres Glaubens, sondern auch die, die (noch) in der Kirche sind? Wieviel bedeutet uns der Gottesdienst oder die Sakramente, wenn wir sie ohne großes Wort des Bedauerns einfach einstellen? Wieviel trauen wir selbst unseren Gottesdiensten und unseren Sakramenten zu, wenn wir auf sie offen-sichtlich so leicht verzichten können?

Blicken wir noch einmal auf die Pfingstgeschichte, dann besteht das eigentliche Wunder darin, dass diejenigen, die drinnen im Haus sind, nach draußen gehen; dorthin also, wo die überwiegende Mehrheit sich befindet. Sie bleiben nicht unter sich im Haus und machen es sich weiter gemütlich, sie stoßen auch nicht bloß die Türen und Fenster ihres Hauses auf, damit die, die draußen sind, zu ihnen hineinkommen oder wenigstens hören, was drinnen vorgeht. Pfingsten beginnt da-mit, dass diejenigen, die drinnen sind, nach draußen gehen, und endet damit, dass einige von denen, die draußen waren, nun drinnen sind. Das ist das Pfingstwunder und nicht die Feuerzungen, das Brausen oder das Sprachengewirr, und das ist der Auftrag, den wir gemeinsam als Kirche und als Gemeinde haben, den aber auch jede und jeder von uns ganz persönlich hat.

Auch für uns als Gemeinde reicht es nicht, unsere Türen bloß weit auf zu machen und zu warten, bis Menschen unsere Angebote wahrnehmen – das werden wir nach der Krise noch deutlicher merken als vor-her. Wir haben mit Pfingsten den Auftrag bekommen, zu den Menschen zu gehen, genau dorthin, wo sie ihren Alltag verbringen. Und auch wir persönlich sollten nicht warten, bis Menschen uns auf unser Christsein und unseren Glauben ansprechen, sondern wir sollten aktiv und offensiv mit der Tatsache umgehen, dass wir die beste Botschaft der Welt kennen. Dass dieser Auftrag alles andere als leicht ist, liegt auf der Hand. Aber die Pfingstgeschichte hält drei Entlastungen bereit, auf die ich zum Abschluss noch kurz blicken möchte:

(1.) Die Menschen kommen nicht aufgrund der Predigt der Apostel zum Haus, sondern weil sie sich über das unüberhörbare Sturmbrausen wundern. Übertragen auf unsere Fragestellung bedeutet das, dass es nicht immer und zuallererst die inhaltliche Qualität unseres Redens und Handelns sein muss, die uns in Kontakt mit Menschen treten lässt. Es reicht manchmal auch, sich der Themen anzunehmen, die schlicht und einfach so drängend sind, dass man sie nicht überhören kann: die Angst vor Ansteckung z. B., das Leiden unter den Kontaktbeschränkungen, die Sorge um einen Erkrankten, die Wahrnehmung der eigenen Endlichkeit. Pfingsten wird es bei uns, wenn wir unseren Glauben im Blick auf die Fragen ins Gespräch bringen, die aktuell unüberhörbar sind.

(2.) Die Menschen kommen, weil sie nach der Ursache des Sturmbrau-sens suchen, und sie bleiben, weil sie sich plötzlich und unerwartet in ihrer eigenen Muttersprache angesprochen fühlen. Pfingsten bedeutet, Menschen in ihrer Muttersprache anzusprechen, d. h. auf eine Weise, die ihnen zutiefst entspricht, die sie verstehen, die ihnen geläufig ist. Wir können unsere kirchlichen oder persönlichen Sprachgewohnheiten nicht verabsolutieren. Pfingsten wird es bei uns, wenn wir unseren Glauben sprachlich und emotional so einbringen, dass Menschen sich davon angenommen und wertgeschätzt fühlen.

(3.) Gott hat uns seinen Geist zugesagt, einen Fürsprecher, der für uns spricht, wenn uns die Worte fehlen. Selbst die Apostel schaffen das Pfingstwunder nicht aus sich selbst heraus. Es ist der Heilige Geist, der ihnen die Kraft, den Mut und die Kreativität gibt, ihren Glauben auf eine Weise ins Gespräch zu bringen, die bei den Menschen ankommt.

 

Lassen sie uns heute um diesen Geist bitten: für unsere Kirche, für unsere Gemeinde und für uns ganz persönlich, auf dass es auch bei uns Pfingsten werden möge.

Amen.