„Auf, lasst uns bauen!“

So lautete das Motto aus dem alttestamentlichen Nehemia-Buch, unter dem der Kooperationsgottesdienst an drei Stationen am Sonntag, den 27. Januar 2020 stand. Ein Bus fuhr von Gremmendorf über Wolbeck nach Albersloh und wieder zurück, so dass die Gottesdienstbesucher sich während der Fahrten schon bekanntmachen und unter-halten konnten.

In der Gnadenkirche Albersloh waren Kaffee und süße Köstlichkeiten liebevoll vorbereitet, so dass wir gut gelaunt in den ersten Teil des Gottesdienstes starten konnten. Es mochte verwundern, dass im Altarraum etliche Umzugskartons, beklebt mit einer Mauertapete, ungeordnet herumlagen. Pfarrer Dr. Plate führte auf spannende Weise in die Geschichte des Wiederaufbaus der Stadt Jerusalem nach dem babylonischen Exil ein. Nehemia, ein hoher Beamter des persischen Königs, machte sich im fünften vorchristlichen Jahrhundert auf, um der jüdischen Gemeinde bei der Sicherung ihrer Existenz zu helfen. Dazu mussten zunächst die Mauern wieder aufgebaut werden. Nehemia ging Schritt für Schritt vor, suchte Verbündete und prüfte genau, was als Material vorhanden war und was noch gebraucht wurde.

In der Übertragung auf den Aufbau christlicher Gemeinden heute hielten die Gottesdienstbesucher ihre Gedanken auf verschiedenfarbigen Zetteln fest, etwa zur Frage nach den Ressourcen der Gemeinde: „engagierte Ehrenamtliche“ und „coole Konfis“; und zur Frage nach dem, was noch fehlt: „ein Angebot am Sonntag ab 17 Uhr“. Lieder, die gemeinsam gesungen wurden – dazu gehörte an allen drei Stationen EG 254, 1-2: „Wir wollen uns gerne wagen“ - und die Reflexionsphasen wurden in Albersloh und Gremmendorf von Ilona Reifschneider und in Wolbeck von Herrn Wülfing kompetent begleitet. In der Friedenskirche trat die Gemeindeband dankenswerterweise hinzu.

Der zweite Teil des Gottesdienstes in der Christuskirche Wolbeck begann mit einem Blick auf die Umzugskartons, die als „Mauersteine“ im Altarraum aufgebaut waren, aber noch beträchtliche Lücken aufwiesen. In der Predigt, die Dr. Anneliese Bieber-Wallmann hielt, ging es um Gefahren von außen und innen, denen die jüdische Gemeinde in Jerusalem zur Zeit Nehemias ausgesetzt war. Das Datum des Gottesdienstes gab jedoch Anlass zum Gedenken daran, dass 75 Jahre zuvor die letzten Überlebenden in Auschwitz befreit worden waren.

Im Lauf der Geschichte war das jüdische Volk immer wieder existentiell bedroht, bis zum Plan der völligen Auslöschung durch das NS-Regime im 20. Jahrhundert. Im Vergleich zur Bedrohung des jüdischen Volkes erscheinen die Herausforderungen, vor denen christliche Gemeinden am Beginn des 21. Jahrhunderts in Deutschland stehen, gering. Allerdings entwickeln etliche Gemeindeglieder das Gefühl, einer aussterbenden Gemeinschaft anzugehören. Gedanken zu inneren und äußeren Widerständen beim Gemeindeaufbau wurden in Wolbeck wiederum auf Zetteln festgehalten, zum Beispiel: „wenige junge Mitglieder, die in der Gemeinde bleiben und sich engagieren“.

Der dritte Teil des Gottesdienstes fand in der Friedenskirche in Gremmendorf statt. Die „Mauersteine“ waren im Altarraum nun komplett aufgebaut. Pfarrer Dr. Plate schilderte den Bau und die Vollendung der Mauer nach dem Nehemia-Buch und fasste zusammen, welche Elemente im Gemeindeaufbau heute als wichtige Bausteine nötig sind: eine Vision; der Glaube; die Gemeinschaft; ein gemeinsamer Ort; Wachsamkeit; die Bereitschaft, sich zu riskieren; Engagement. Die einzelnen Begriffe befanden sich auf der Rückseite der Umzugskartons, die von Konfirmandinnen und Konfirmanden umgedreht wurden.

Mit dem Lied „Vertraut den neuen Wegen“ (EG 395) klang der Gottesdienst aus.

Die Gemeinschaft der Gottesdienstbesucher aus den beiden Gemeinden und drei Ortsteilen wurde im Anschluss erlebbar bei einem schmackhaften Mittagessen im Saal der Friedenskirche.